|
Der Fuchs und das Jägerlatein.
Kaum ein Tier wird hierzulande so
erbarmungslos verfolgt wie der Fuchs. Mehr als eine halbe Million dieser ebenso
schönen wie intelligenten Wildtiere mußten im Jagdjahr 1993/94 durch jägerische
Flinten und Fallen ihr Leben lassen; ein Großteil davon als Welpen am
elterlichen Bau. Viele Jäger können ihren Haß dabei kaum verbergen, wenn sie von
"dem Fuchs" im Kollektivsingular feindbildbezogener Termini reden - als
"Niederwildschädling", "Wilderer" und "Krankheitsüberträger" diffamiert, wird
ihm in Deutschland durch den Einfluß von Jägern nicht einmal eine Schonzeit
zugestanden. Und als Berlin kürzlich wagte, wenigstens erwachsene Füchse neun
Monate im Jahr unter Schutz zu stellen, kam es in den Jagdmedien zu
Proteststürmen - was die Jäger im Hinblick auf alle anderen Wildtiere als
Ausdruck ihrer ethischen Gesinnung werten, mutiert zum gefährlichen Werk von
"Öko-Amateuren" (Wild und Hund 26/95), wenn es auch für Füchse Geltung erlangen
soll. Die Argumente, die die Jägerschaft zur Rechtfertigung ihrer
rücksichtslosen Hatz auf Meister Reineke anführt, sind dabei vollkommen
hanebüchen und werden auch dadurch nicht glaubwürdiger, daß die großen deutschen
Jagdzeitschriften sie mit gebetsmühlenhafter Regelmäßigkeit wiederholen. Auf
besondere Tradition kann in diesem Zusammenhang vor allem die These
zurückblicken, der Fuchs als Hauptüberträger der Tollwut müsse intensiv "bejagt"
werden, um der Ausbreitung dieser Seuche Einhalt zu gebieten.
Grausame
Tollwutbekämpfung
Bereits ein kurzer Rückblick auf die jahrzehntelange
Geschichte gewaltsamer Tollwutbekämpfung, von Landwirtschaftsminister Ertl im
Jahre 1970 mit der Anordnung des "Gastodes aller erreichbaren Füchse" initiiert,
sollte dabei genügen, um selbst dem begriffsstutzigsten Fürsprecher der
Fuchsjagd die Sinnlosigkeit derartiger Aktionen vor Augen zu führen. Trotz einer
beispiellosen Vernichtungsschlacht war damals kein nennenswerter Einfluß auf die
Tollwutausbreitung festzustellen; ebenso blieb die angestrebte Dezimierung der
Füchse aus. In der Schweizerischen Tollwutzentrale konstatierte man schließlich,
Fuchsjagd sei kein adäquates Mittel zur Tollwutbekämpfung, da die großflächige
Dezimierung dieser Tiere nicht möglich sei. Werden Füchse nämlich nicht bejagt,
so leben sie in stabilen Familiengemeinschaften von bis zu zehn Tieren zusammen,
in denen nur die älteste Füchsin Kinder zur Welt bringt. Greift jedoch der
Mensch mit Flinte und Falle nachhaltig in die Fuchspopulation ein, so brechen
diese stabilen Strukturen durch die ständige Umschichtung der sozialen
Verhältnisse auf. "Die Füchse haben kaum feste Reviere und keine feste
Paarbindungen", so der als Fuchsexperte geltende Biologe Dr. Erik Zimen, "Jede
läufige Fähe findet ihren eher zufälligen Partner, der, einmal erfolgreich,
gleich weiterzieht, um bei der nächsten sein Glück zu
versuchen."
"Geburtenbeschränkung statt Massenelend"
Hinzu
kommt noch, daß bei starkem Jagddruck auch die durchschnittliche Welpenzahl pro
Wurf weitaus höher ausfällt als in fuchsjagdfreien Gebieten. Während
beispielsweise die hohen Vermehrungsraten bei nordamerikanischen Füchsen in den
70er Jahren auf den hohen Pelzpreis und demensprechend intensive Fuchsjagd
zurückgeführt werden können, hat der geringfügig schwächere Jagddruck in
Mitteleuropa zur Folge, daß sich zwar alle Füchsinnen fortpflanzen, die
Wurfgröße jedoch geringer ist. In traditionell fuchsjagdfreien Gebieten wie
jenem um die englische Stadt Oxford ist die Fortpflanzungsrate noch deutlich
niedriger - hier bekommen nämlich wesentlich weniger Fuchsfähen überhaupt
Kinder. Infolge dieses Phänomens - von Zimen treffend als "Geburtenbeschränkung
statt Massenelend" beschrieben - ist "Fuchskontrolle" also weder notwendig noch
- was die meisten Reviere angeht - überhaupt möglich; eine Feststellung, die
auch der Biologe Prof. Dr. Siefke anhand seiner jüngsten Untersuchungen auf der
Insel Hiddensee bestätigt. Damit ist die Tollwutbekämpfung durch Fuchsjagd ad
absurdum geführt - und mehr noch: Namhafte Wissenschaftler äußerten, daß
intensive Fuchsverfolgung die Tollwutausbreitung sogar forciert. Da bei starker
Bejagung mehr Jungfüchse zur Welt kommen, gerade diese im Herbst jedoch auf
Reviersuche lange Wanderungen zurücklegen, steigt in einer stark bejagten
Fuchspopulation die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Tollwut signifikant an.
Hinzu kommt, daß der durch die Jagd verursachte soziale Streß zu einer gr"ßeren
Zahl aggressiver Auseinandersetzungen zwischen Füchsen führt und die
Ansteckungsgefahr somit ebenfalls erhöht. Als man dagegen bei Grafenau im
Bayerischen Wald die Fuchsjagd aussetzte, um die Folgen zu studieren, stieß man
auf ein wenig jagdfreundliches Resultat - die tollwütigen Tiere rotteten sich
binnen drei Jahren selbst aus und wurden von gesunden Eindringlingen ersetzt.
Inzwischen begegnet man übrigens nicht nur der Tollwut, sondern auch dem
Fuchsbandwurm auf ebenso tierfreundliche wie erfolgreiche Weise mit Impf-
beziehungsweise Entwurmungsködern, deren Auslegen gemäß jüngsten
Kosten-Nutzen-Analysen auch bemerkenswerte ökonomische Vorteile gegenüber der
gewaltsamen Tollwutbekämpfung besitzt. Selbst der Jägern zufolge so effektive
Jungfuchsabschuß am Bau wurde im Resume einer Pilotstudie, die in den Jahren
1994 und 1995 in der Schweiz durchgeführt wurde, als Maßnahme mit "großem
Aufwand, aber wenig Effekt" abgelehnt. Trotz dieser eindeutigen Beweislagen
nutzen Jäger die Panikmache vor Tollwut und Fuchsbandwurm aber nach wie vor, um
Stimmung gegen den Fuchs zu machen.
Reineke als
Beutekonkurrent
Das andere Hauptargument der Jäger für die Fuchsjagd läßt
die wahren Motive zur intensiven Bekämpfung von Meister Reineke dagegen bereits
durchschimmern: Füchse sind die größten verbliebenen Jagdkonkurrenten im Revier
und reißen möglicherweise auch einmal einen der Hasen oder Fasanen, die der
eifrige Weidmann lieber selbst getötet hätte. Gemäß Jagdverbandssprecher
Spittler ist rigorose Fuchsverfolgung dementsprechend "notwendig, um eine
optimale Hasen- und Fasanenstrecke zu erzielen", und der begeisterte
Trophäenjäger Heribert Kalchreuter rechnete vor, daß man beim Fehlen natürlicher
Prädatoren wie Fuchs und Habicht ungleich mehr Hasen "abschöpfen" kann als unter
normalen Umständen. In Anbetracht derartiger Aussagen konstatiert der bekannte
Verhaltensforscher Vitus B. Dröscher ganz richtig: "Viele Jäger betrachten
Reineke als Wilderer, der tunlichst zu erschießen, zu vergasen, mit Hunden zu
hetzen und totzuprügeln ist". Daß Beutekonkurrenz ein Hauptmotiv für die
Fuchsjagd ist, räumte in einer Besprechung meines "Anti-Jagdbuches" die Deutsche
Jagd-Zeitung übrigens freimütig ein. Allein die Tatsache, daß unzählige Füchse
und Marder einen grausamen Tod sterben müssen, damit im Herbst mehr Feldhasen
auf der Strecke liegen, ist abstoßend genug - die Krone setzt diesem Sachverhalt
jedoch die Tendenz auf, daß Jäger seit einiger Zeit die Misere, in der sich
viele Niederwildarten befinden, zunehmend dazu nutzen, um Stimmung gegen die
natürlichen Feinde dieser Tierarten zu machen. Kurzerhand behauptet man, ohne
die scharfe Bejagung der Beutegreifer würden diese Hase, Reb- und Birkhuhn
ausrotten. Gutachter wie Dr. Heribert Kalchreuter, der sich in Interviews
wiederholt als "Jagd-Missionar" bezeichnete, gehen dabei so weit, Kopfprämien
für Füchse zu fordern. Wissenschaftler, deren Objektivität nicht durch den
Besitz eines Jagdscheins relativiert wird, sind sich jedoch darin einig, daß es
nur einen einzigen Weg gibt, um gefährdeten Tierarten zu helfen: Die Rücknahme
der Gefährdungsursache selbst. Der Einfluß von Beutegreifern dagegen beeinflußt
die Populationsdichte von Hase, Reb- und Birkhuhn nicht entscheidend und ist
allenfalls "in Konkurrenz zur jagdlichen Nutzung relevant", wie die
Jagdwissenschaftler Döring und Helfrich 1986 konstatierten. In ganz Europa sind
die Anteile beispielsweise von Hasenresten in Fuchslosungen verschwindend gering
- selbst dort, wo Hasen noch in großer Zahl vorhanden sind - und Untersuchungen
zeigten, daß Füchse insbesondere dann beispielsweise Entenv"gel reißen, wenn
diese durch die Jagd angeschossen oder geschwächt sind. Die realen Gründe für
den Bestandsrückgang zahlreicher sogenannter "Niederwildarten" sind also
keineswegs bei deren "natürlichen Feinden" zu suchen, sondern vielmehr im
anthropogenen Bereich.
Tod durch Flurbereinigung und
Einheitsgrün
So fallen nach Hochrechnungen des führenden deutschen
Hasenexperten Dr. Eberhard Schneider jährlich maximal 5% der Hasen Beutegreifern
zum Opfer, während der Rest in variierenden Anteilen durch Landwirtschaft,
Straßenverkehr, Krankheiten, Jäger, und - last but not least - Hunger infolge
des stickstoffgeschwängerten Einheitsgrüns unserer Landschaft zu Tode kommt.
Außerdem überschätzt die Jägerschaft nach Untersuchungen des Biologen Pegel die
Bestandszahlen des Feldhasen systematisch um das Zwei- bis Vierfache und schießt
aus diesem Grund wesentlich mehr, als der Bestand verkraften kann. Beim Rebhuhn
werden als Gefährdungsursachen Flurbereinigung und die Anwendung toxischer
Spritzmittel angeführt, wohingegen am Rückgang des Birkhuhns gemäß den
Untersuchungen des Ornitho-Ökologen Prof. Reichholf auch die jagdliche
Streckenmaximierung nicht unschuldig ist. Es ist nämlich Gang und Gäbe, im
Herbst eigens zu Jagdzwecken gezüchtete Fasanen auszusetzen. Da diese jedoch
dieselbe ökologische Nische beanspruchen wie das Birkhuhn, treten die beiden
Arten in heftige Konkurrenz miteinander - weshalb nach Reichholf eine
Verdrängung des Birkhuhns durch den Fasan sehr wahrscheinlich ist. Einen
stichhaltigen ökologischen Grund für die Verfolgung des Fuchses gibt es
schlichtweg nicht. Vielmehr nehmen sich die krampfhaften Versuche von Jagdmedien
und -funktionären, die Fuchsjagd als einen Akt ökologischer Notwendigkeit
darzustellen, eher als Verschleierungstaktik aus, mit der von realen Motiven zur
Fuchsjagd - Beuteneid und Jagdlust - abgelenkt werden soll. Wirft man jedoch
einen eingehenderen Blick in die prosaischen Ergüsse schreibender Jäger, die in
den gängigen Jagdzeitschriften nach wie vor publiziert werden, so wird man
nichtsdestoweniger rasch feststellen, worum es den Grünröcken wirklich geht. Wer
das winterliche Nachstellen und Töten eines liebestollen Fuchspärchens zum
unglaublich erregenden, nur mit sexuellen Handlungen zu vergleichenden Ereignis
emporstilisiert, ist nach heute gültigen Maßstäben nur in psychopathologischen
Kategorien angemessen zu bewerten. Wir dürfen nicht vergessen, daß es sich bei
jedem in einer angeblich "sofort tötenden" Falle langsam zu Tode gequetschten,
bei jedem im fahlen Mondlicht angeschossenen, bei jedem blutüberströmt vom
Jagdhund aus dem vermeintlich sicheren Bau "gesprengten" - und auch bei jedem
"sauber gestreckten" - Fuchs um ein fühlendes, denkendes Individuum mit einem
Recht auf Leben handelt! In Anbetracht dessen macht es Mut, daß selbst die
ökologischen Jagdverbände unmißverständlich deutlich machen, daß Fuchsjagd
lediglich menschlichen Jagdfreuden dient - und sonst nichts. Der drei Millionen
Einzelmitglieder zählende Deutsche Naturschutz-Ring tritt überdies für ein
generelles Verbot der Fuchsjagd ein. Auch zahlreiche Förster fordern immer
wieder, Füchse und andere Prädatoren zu schonen - und das aus gutem Grund: Sie
halten die Bestände ihrer Beutetiere widerstandsfähig, indem sie stets zuerst
schwache und kranke Tiere reißen (was man von menschlichen Jägern ja nicht
gerade behaupten kann) und auf diese Weise Seuchenherde frühzeitig eliminieren.
Außerdem sind Füchse als eifrige Mäusevertilger ausgesprochene "Forst"nützlinge,
und auf dem 2. Internationalen Rehwild- Symposium in Südtirol war zu hören, daß
Füchse in genügend großer Zahl sogar die durch die intensive jägerische Hege
überhöhten Rehwildbestände im Zaum halten können. Im 10.236 Hektar großen
irischen Killarney-Nationalpark genießt Reineke bereits ganzjährige
Vollschonung.weil er sich durch das Reißen von Kälbern maßgeblich an der
Reduktion der dortigen Rotwildvorkommen beteiligt.
Fuchsjagd:
ökologischer Nonsens
Prädatoren, also Beutegreifer, zu bejagen, ist aus
ökologischer Sicht so ziemlich das Unsinnigste, was die grünberockten
Naturnutzer tun können; aus ethischer Sicht ist es verurteilenswert und
anachronistisch. Es wird Zeit, daß wir uns als mündige Bürger endlich gegen all
diejenigen wehren, die jeden vor den Augen seiner entsetzten Eltern vom
"raubzeugscharfen" Jagdhund zerfleischten Jungfuchs zum Anlaß nehmen, sich als
Diener an Volksgesundheit und Artenvielfalt zu fühlen. Es ist ein gefährlicher
und ethisch indiskutabler Zustand, daß die letzten größeren Beutegreifer
Mitteleuropas der Willkür einer Bevölkerungsgruppe unterstellt sind, die in
ihnen nichts als lästige Beutekonkurrenten sehen und ihnen demensprechend
permanent nach dem Leben trachten. Die vollständige Unterschutzstellung aller
einheimischen Prädatoren, allen voran die des seit Jahrzehnten beispiellos
verfolgten Fuchses, ist längst überfällig. Davon könnten auch wir Menschen
profitieren - wo Füchse ihre zweibeinigen Mitgeschöpfe nicht fürchten müssen,
beispielsweise auf der nördlichen japanischen Hauptinsel Hokkaido, in Israel
oder dem kanadischen Prince-Albert-Nationalpark, sind die hierzulande so
mißtrauischen Rotröcke überaus zutraulich und lassen sich problemlos über
Stunden in ihrem bezaubernden Sozialverhalten beobachten.
