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"Wir schöpfen nur ab, was nachwächst"
Auf deutschen Äckern zeigt sich der Feldhase immer seltener, doch genaue Bestandszahlen gibt es nicht. Jetzt sollen ausgerechnet Jäger die fehlenden Daten ermitteln.
Da ist wieder einer. Ein kleiner, gelber Punkt mitten auf dem Feld. Außer dem reflektierenden Auge sind im Lichtkegel grob die Umrisse eines kleinen Tieres mit sehr langen Ohren zu erkennen. "Ein Hase im Ölrettich", murmelt Egbert Strauß in sein Diktiergerät.
Dann rumpelt sein Geländewagen weiter über
den Feldweg. Zwei Stunden später an diesem kalten, nieseligen Novemberabend ist
die Arbeit von Wildtierforscher Strauß getan. 59 Feldhasen auf einem Gebiet von
200 Hektar hat der Biologe vom Institut für Wildtierforschung in Hannover
gezählt.
Noch sind Strauß und seine Mitarbeiter die Einzigen, die sich
die Nächte damit um die Ohren schlagen, mit einer überdimensionalen
Halogen-Taschenlampe nach bernsteinfarbenen Augen auf dem Acker zu suchen. Doch
schon in diesem Frühjahr sollen hunderte Jäger Flinten gegen Lampen tauschen und
Hasen zählen. Denn das Pilotprojekt von Egbert Strauß ist der Auftakt zu einer
bundesweiten Aktion, zu einer Art Volkszählung des "Lepus europaeus".
Auftraggeber des ehrgeizigen Projekts ist der Deutsche Jagdschutzverband (DJV).
Über 800 Jäger sollen ihre Reviere kartieren, Wegstrecken festlegen und diese
jeweils im Frühjahr und im Herbst mehrfach abfahren. "Wir stehen permanent in
der Schusslinie", erklärt Armin Winter, Naturschutzbeauftragter des DJV, das
Interesse an genauen Bestandszahlen des Hasen. Denn seit 1998 steht Meister
Lampe auf der Roten Liste, eingestuft in der Kategorie "gefährdet". Das heißt,
seine Bestände sind in großen Teilen des Verbreitungsgebietes "klein oder sehr
klein" oder gehen "regional zurück". Seit den 70er Jahren ist der
Steppenbewohner, der mit dem Ackerbau nach Westeuropa kam, wieder auf dem
Rückzug. Doch wie viele Langohren wirklich noch über deutsche Felder hoppeln,
weiß niemand. Zwar wird die Zahl der geschossenen Tiere, die sogenannte
Jagdstrecke, Jahr für Jahr veröffentlicht. So erlegten Jäger in der Jagdsaison
1998/99 rund 446.000 Feld hasen, 1990/91 waren es noch rund 608.000. Was solche
Zahlen aber über den Bestand aussagen, ist umstritten.
Über die Gründe
des Schwunds herrscht dagegen weit gehend Einigkeit. "Es gibt im Wesentlichen
zwei Faktoren für die Hasendichte: die durchschnittliche Parzellengröße und die
Fruchtdiversität. Die Größe der Felder hat in der modernen Landwirtschaft stark
zugenommen, die Pflanzenvielfalt ist zurückgegangen", sagt Christof Schenck von
der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, "hinzu kommen Probleme wie Zersiedelung
oder auch Verkehrstod."
Naturschützer sehen deshalb in jedem zusätzlich
von Jägern erlegten Tier einen Schritt in Richtung Ausrottung der Art. "Wir
schöpfen nur ab, was nachwächst", verteidigt Winter – die Zählaktion soll das
belegen. Langfristiges Ziel des DJV ist eine Erfassung aller Niederwildarten in
ganz Deutschland, an der sich außer den Hannoveraner Wildtierforschern auch die
Uni Trier und die Landesforstanstalt Eberswalde beteiligen.
Beim
Bundesamt für Naturschutz (BfN) ist man hocherfreut über die Initiative der
Jägerschaft, die sonst eher ein Dorn im Auge der Naturschützer ist. "Das ist
eine echte Erfolgsstory", sagt Peter Boye, Säugetierkundler und Fachmann für
zoologischen Artenschutz beim BfN. "Denn das Ziel der Roten Liste ist in erster
Linie, mehr Informationen über die betroffenen Arten zu bekommen. Wenn die
Jägerschaft nun diese Informationen beschafft, begrüßen wir das sehr. Auch wenn
es ihr natürlich darum geht, uns nachzuweisen, dass der Hase zu Unrecht auf der
Liste steht."
Diese Motivation lässt befürchten, dass die Jäger zählen
werden, was sie zählen wollen. "Das DJV-Konzept sieht vor, dass unter den Jägern
Freiwillige gefunden werden, die die Hasen in ihren Revieren selbst zählen",
gibt Ferdinand Rühe vom Institut für Wildbiologie und Jagdkunde der Universität
Göttingen zu bedenken, "wenn sich aber tendenziell eher Inhaber von hasenreichen
Revieren beteiligen als solche von extrem hasenarmen Revieren, werden die
wirklichen Hasendichten dieser Landschaft durch die Zählergebnisse
überschätzt."
"Eine gewisse Skepsis ist angebracht", findet auch
Elisabeth Emmert vom Ökologischen Jagdverein (ÖJV). "Die Jägerschaft steht zur
Zeit sehr unter Druck. Und es gab in der Vergangenheit schon einmal Zählungen
von Elstern, die Jäger und Ornithologen gleichzeitig durchgeführt haben. Die
Zahlen der Jäger waren fast dreimal so hoch wie die der Wissenschaftler."
Quelle: Greenpeace Magazin INGA OLFEN
