Zwischen Überlebenstrieb und Freizeitspaß
-Eine kleine Psychodynamik der
Jagd-
Hanna Rheinz
"Blut ist eine orgiastische
Kraft ohnegleichen"
Ortega y Gasset
"Eines Tages wird man die
Tötung eines Tieres genauso als Verbrechen ansehen wie das Töten eines
Menschen."
Leonardo da Vinci
Daß Menschen Tiere töten und sogar
wie es in einem Volkslied heißt, sich gegenseitig zum fröhlichen Jagen
auffordern, ist keineswegs so selbstverständlich wie es säkulären Gesellschaften
erscheint. Das Töten ruft eine Vielzahl höchst konfliktbehafteter
Gefühlsregungen hervor, zu deren beunruhigendster wohl die Achse von Angst und
Schuld gehört. Sigmund Freud, der legendäre Begründer der Psychoanalyse hat dies
als Ambivalenz der Gefühlsregungen bezeichnet, die immer dann auftritt, wenn
Menschen ein Tabu brechen. In archaischen Gesellschaften wie Freud sie mit den
anthropologischen und ethnologischen Kenntnissen seiner Zeit zu rekonstruieren
versuchte, war das Töten und Verzehren von Tieren mit der Erwartung verknüpft,
durch den rituellen Verzehr des Tieres würde dessen geheimnisvoll magische Kraft
auf den Menschen übertragen.
Gesellschaften auf der Stufe des Animismus -
des Glaubens an die Beseeltheit der Natur - und des Totemismus machten aus dem
Töten ein Ritual; nur wer in ritueller Weise tötete durfte das zum Totemtier
erklärte Fleisch verzehren. Allerdings war der Preis hoch: der Jäger hatte sich
durch das Töten des geheiligten Tieres schuldig gemacht und mußte fortan die
Rache der toten Tierseele fürchten. Dies war Geburtstunde des religiösen
Zeremoniells. Eine psychodynamische Gemengelage, die eine Ableitung des
religiösen Erlebens aus dem Erschrecken über eine als Massaker erlebte Jagd nahe
legt.
Wer die Psychologie des Jagens untersucht, gerät zwangsläufig an
diesen Schnittpunkt von individueller Schuld und kollektiver Entschuldung. Der
archaische Mythos erweist sich dabei von überraschender Aktualität. Wer tötet
und noch dazu aus Lust, zeigt, daß das Tabu des Tötens keine Macht mehr über ihn
hat.
Einst wie jetzt gibt es wohl kein mächtigeres Zeichen der totalen
Kontrolle - über Leben und Tod ebenso wie über Schuld und Vergebung. Wer tötet
zeigt zugleich, daß er bereit ist auch fürderhin Tabus außer Kraft zu setzen.
Die Tötungshandlung kommt einem emotionalen Dammbruch gleich. Wer einmal tötet,
findet kein Ende mehr. Das Ausrotten verspricht eine finale Lösung. Es bleibt
keiner mehr übrig, der an die ausgelöschten Leben erinnert.
Jagen und
Töten von Tieren gelten als elementare Rechte des Menschen. Als kulturelle
Traditionen wird die Jagd vehement verteidigt, und gilt vielen als
unverzichtbares Kulturgut. Um das Jagen zu rechtfertigen werden vor allem
Gewohnheitsrechte und Traditionen bemüht. Wer die Psychodynamik der Jagd und des
Jagens hinterfragt, erkennt wie brüchig der Katalog der Selbstrechtfertigungen
ist.
Denn heute fehlen die Überlebenszwänge, die in früheren Zeiten das
Töten gerechtfertigt haben. Das Töten ist zu einer Option unter mehreren
geworden und ist nicht mehr an die Szene des Kampfes Auge in Auge und auf Leben
oder Tod geknüpft.
Der Jagdsportler, der sich heute noch einredet, zu töten,
um zu überleben - und noch dazu mit dem Argument hier handele es sich um ein
Naturgesetz, hat zumeist erhebliche Anstrengungen unternommen, um genau dieses
Szenario herzustellen. Tausende von Kilometern Flugreise liegen hinter ihm,
seine Ausrüstung läßt die Risiken für Leib und Leben zu einer quantité
negligeable werden.
Wer die Psychodynamik der sich hier manifestierenden
Vorgänge beleuchtet, stößt zwangsläufig auf den Widerspruch: Jagen und Töten
werden der Aggression und dem Dominanzstreben zugeordnet. Daß sich Jagen als
"gute", ja saubere Methode des Tötens empfiehlt, ist nur möglich vor dem
Hintergrund einer Komplizenschaft des Schweigens.
Verschwiegen wird das
Erleben des Tötens. Eine Seelenblindheit, die nur dann ausgesetzt wird, wenn der
Jäger das Töten als Blutrausch oder als Erlösung darstellt und es somit wieder
zu einem irrealen Event werden läßt. ein seelischer Ausnahmezustand, dessen
Opfer er geworden ist.
Dies fällt in den Selbstdarstellungen von Jägern und
deren Jagdbeschreibungen auf: Der Jäger überträgt die Verantwortung für sein Tun
auf ein autonom in ihm wirkendes Triebgeschehen.
Diesem konflikthaften, ja
dramatischen Seelenzustand steht die unendliche Leichtigkeit des Tötens
gegenüber. Sie wird abgefedert durch eine Pseudo-Logik und Scheinrationalität.
Dies sichert, daß Jagen psychisch unauffällig bleibt und Teil der Normalität
ist.
Der Jäger ist sozial geachtet und wird anerkannt. Wer die Jagd stört
oder sie ablehnt steht hingegen mit einem Fuß in der Kriminalität; mindestens
jedoch gilt der Betreffende als heilloser Spinner.
Um sich mit dieser
Umkehrung der Werte zu arrangieren, ist ein Instrumentarium der Rechtfertigungen
entwickelt worden. Theorien und Begründungen der Jagd, die das Ziel haben, eine
jagdgerechte Moral zu etablieren und die Jagd als Teil einer Zweckrationalität
darzustellen. Sie ist unabdingbar um das Leben zu erhalten. Während in früheren
Zeiten das Überleben der Menschen im Vordergrund stand, die sich vom Fleisch der
Tiere ernährten, werden heute, zumindest von jenen Menschen, die sich mit ihren
Skrupeln über die Rechtmäßigkeit ihres Tuns auseinandersetzen, und nicht der
Lust oder Trophäengier frönen, andere Begründungen genannt.
Unverändert
ist, daß die Jagd immer noch überlebenswichtigen Zielen dient. In überraschender
Weise wird das Töten als Strategie umgedeutet Leben zu sichern - hier das
vermeintlich gefährdete Überleben der Tier- und Pflanzenarten durch das
unkontrollierte Leben der nichtmenschlichen Lebewesen. Jagen wird neuerdings
sogar als ökologisch notwendig qualifiziert, und als schmerzlos und schonend
wird es darüber hinaus dargestellt. Beachtliche kognitive Manöver, die sich den
Realitäten des Blutsportes entgegen stemmen. Selektive Wahrnehmung und Umdeuten
des Offensichtlichen als Strategien mit der eigenen kognitiven Dissonanz
umzugehen, wer will sich schon als Mörder erfahren, sind auch am Werk, wenn wie
jüngst ein ökologischer Jäger im Dienst von Bündnis 90/Die Grünen empfahl, das
Jagen zukünftig aus Rücksicht auf die Umwelt mit Schalldämpfer zu erledigen. Daß
es sich hier um eine besonders tückische Form des Mangels von Rationalität
ebenso wie des Mangels von Empathie handelt, fällt selbst jenen Menschen nicht
mehr auf, die sich für den Erhalt der Natur (und vermutlich auch den hierin
angesiedelten Tierwelt) einsetzen.
Wer sich gegen die Jagd stellt ist nicht
mehr nur kriminell, oder ein Spinner, sondern nunmehr auch unter ökologischen
Gesichtspunkten ein Versager.
Denn daran führt kein Weg vorbei: Das Handwerk
des Tötens gilt als Kulturgut. Und wer Skrupel hat dies mitzutragen, entzieht
sich einem allgemein gültigen Konsens.
Der Widerspruch ist unauflösbar:
"Gehen wir zum Töten" diesen Satz würde man von einem Menschen nicht
hören, ohne an Verbrechen, an Gewalt, an Perversion zu denken.
Einer, der zum
Töten geht - gilt als Amokläufer, Extremist, soziopathischer Straftäter.
Menschen also, die allesamt der bürgerlichen Gesellschaft fern stehen und von
ihr ausgeschlossen werden. Aus diesem Grund gilt Jagen nicht als "Töten". Wer
jagt hat einen guten Grund.
Zu den Rechtfertigungsstrategien der Jagd
gehört, daß, wer tötet, nicht darüber redet. Über Töten, Schlachten, Jagen wird
nicht geredet - oder zumindest nicht mit Uneingeweihten.
Aus diesem Grund
treten die Kommunikationen über das Töten nicht ohne bestimmte Vorkehrungen auf.
Betrachten wir zunächst die spezifische Mischung von Abwehrstrategien, die
dazu dienen das Wesentliche der Jagd, nämlich das Töten so zu erklären, daß es
zu keiner kognitiven Dissonanz zwischen dem Anspruch "Du sollst nicht
töten" und der Wirklichkeit "Jagen macht Spaß" kommt.
Um das
Töten in den Bereich des erklärbaren, ja sogar zur Normalität gehörenden
Verhaltens zurückzuführen, sind zwei Strategien nötig:
*Das lustvolle
Töten muß in einen nicht-öffentlichen, auch dem seelischen Gewahrwerden
verborgen bleibenden Bereich des Lebens stattfinden.
Gefordert wird somit
eine Ausnahmesituation, die überdies als Ritual unter bestimmten
Ausnahmeregelungen und besonderen Verfahrensweisen durchgeführt wird.
Überdies wird eine - oder mehrere
* Annahmen entwickelt, die das
Töten in ein Weltmodell integrieren, in dem es als Sachzwang vor dem Hintergrund
einer bestimmten Logik erscheint.
Zum Beispiel der Notwendigkeit eine
Tierpopulation zu kontrollieren.
Oder weil es auch der Verhaltenweise der
Tiere entspricht - der Stärkste frißt den Schwächeren - so daß es als natürlich
erscheint, ein Naturgesetz widerspiegelt.
Doch ökologische (die Umwelt
betreffende) und ethologische (das Tierverhalten bestreffende) Argumente werden
der Psychodynamik nicht gerecht.
Um diese zu erfassen, sind weitere - auf
das
* emotionale Befinden des Menschen,
* auf seine innere
Natur
zielende Annahmen nötig.
Hier hat sich vor allem die sogenannte
Triebtheorie des menschlichen Verhaltens als nützlich erwiesen.
Sie erklärt,
warum auch kultivierte Menschen Lust am Töten empfinden und dies nicht als einen
Bruch in ihrem Erleben erfahren, das ihnen in anderen Bereichen des Lebens
verbietet zu töten oder Konflikte mit der Waffe zu lösen.
Der Mensch, dessen
Verhalten von Trieben gesteuert wird, erkennt in der Jagd eine Möglichkeit die
Dominanzstellung zurückzugewinnen, die er im Alltagsleben nicht erfahren
kann.
Neben der Triebtheorie, deren Annahmen eher einer Metapsychologie
denn einer empirischen Verhaltenswissenschaft zugeordnet werden müssen, hat sich
auch der Behaviorismus und die kognitive Psychologie der Frage gewidmet, wie
Verhaltensweisen erklärt werden können, die eigentlich die Kernbereiche der
menschlichen Moralvorstellungen außer kraft setzen - und aus diesem Grund
normalerweise ausschließlich mit pathologischem Verhaltensweisen und
Verhaltensstörungen in Zusammenhang gebracht werden.
Dessen ungeachtet
gibt es auch hier naheliegende Erklärungsmuster des Jagdverhalten: es erscheint
als gelerntes Verhalten, das von früheren Generationen - oder von einem Vorbild
- übernommen worden ist, und aufrechterhalten wird, weil es wichtige
kommunikative und sozialpsychologische Funktionen wie den sozialen Status
demonstrieren, erfüllt.
Wer sich mit Beschreibungen der Jagd befaßt, dem
fällt auf, daß die Beteiligten ihr eigenes Verhalten erklären, indem sie auf
bestimmte psychologische Annahmen zurückgreifen.
Sie bezeichnen ihr
Interesse für die Jagd als Interesse für die Tierwelt und die Beobachtung von
Tierverhaltensweisen (auf der Pirsch sein), Sie bezeichnen sich als Tierfreunde,
die sich um das Gleichgewicht in der Natur sorgen (Hege).
Sie betonen die
Anstrengung und den Aufwand des Jagens. Sie stellen das Jagen als rationalen Akt
dar, der nur ausnahmsweise mit euphorischen und lustvollen Gefühlen
einhergeht.
Kurzum: sie betreiben eine auffällige Rationalisierung der
Jagdlust.
Am Beispiel des Blutrausches - und der von Jägern oft
geleugneten, in der Anekdotenliteratur zur Jagd jedoch konstant auftretenden
überschießenden, exzessiven Tötungsreaktionen - die einem Raptus des Tötens
gleichkommen, wird deutlich der Mißbrauch der Triebtheorie im Dienst der
Legitimierung oder mindestens doch der Entschuldung des Jagens
deutlich.
Trieberklärungen sind nämlich aus psychologischer Sicht - die
Hauptargumente und Grundlagen, die Jagd zu rechtfertigen, und sie als der Natur
des Menschen angemessen zu bezeichnen.
Doch hier stehen wir vor einem
Dilemma, denn die Triebmodelle des Seelenlebens - Triebe steuern unser Verhalten
ebenso wie unser Denken und unsere Kulturleistungen - sind längst ergänzt worden
und entsprechen keineswegs mehr dem aktuellen Stand der Psychologie und
Psychoanalyse. Um die Jagd zu rechtfertigen, den angeblichen Trieb des Menschen
zu Jagens, sind sie immer noch gut genug.
Eine der wichtigsten für
unsere Fragestellung interessante Ergänzungen ist die Selbstpsychologie und hier
insbesondere die Frage der Re-Inszenierung konfliktbehafteter Erfahrungen und
vor allem der Wiederbelebung von Gewalt- und Mißbrauchserfahrungen. Seit
Jahrhunderten leben wir in Kriegergesellschaften, die das Erbe der seelischen
Traumatisierungen von Generation zu Generation tragen.
Jagen ist eines
jener Verhaltensnischen, die es erlauben, auch außerhalb der Kriegszeiten dem
Töten zu frönen. Psychodynamisch handelt es sich hier auch um die Wiederholung
und Inszenierung des Traumas. Am Tier erfährt der Jäger und die an der
Jagdkultur partizipierende Welt, was es heißt zur Beute und zum Opfer zu
werden.
Die Jagd ein Ersatz für die Erfahrung des Krieges. Dies bedeutet,
daß sie Grenzerfahrungen und Grenzüberschreitungen erlaubt. Das Lust-Töten als
Freizeitbeschäftigung erlaubt eine andernorts kaum mehr zugelassene
Gefühlsintensität, Konzentration und Bewußtseinsklarheit.
Jagen wird überdies
als moralisch hochstehendes Verhalten erfahren: Du darfst töten, denn es handelt
sich um ein Lebewesen einer anderen Art, ein Untermensch, ein Vogelfreier, ein
Parasit.
Der Jäger projiziert das, was er sich wünscht und auch was er
fürchtet. Er handelt in der Gewißheit: Ich bin gerecht, denn auch in der Natur
tötet der eine den anderen.
Hier hat sich die Projektion dem Beutemodell -
gesellschaftlich als Sozialdarwinismus bekannt - angeschlossen: Der Stärkere
frißt den Schwächeren.
Die Einteilung der Welt in Gut und Böse, in
nützliche Wesen und Schädlinge und Parasiten kommt einem sozialen Sedativ
gleich; wer auf der Seite des Guten steht, überlebt. Und führt den ewigen Krieg
weiter. Von Generation zu Generation. Von Trauma zu Trauma. Die Jagd zeigt, daß
der Seelenmord noch immer die Strategie ist, der man das letzte Wort
erteilt.
Die Pervertierung der Gefühle, die Veränderung der Vorzeichen: das
lebende Tier ist nicht lebenswert. Das tote Tier überträgt seine Kraft auf den
Jäger, der sich, während er das Tier aufbricht und sein Herz aus dem Körper
heraus schneidet, endlich lebendig fühlt. Und mit Bedauern feststellt: "Es macht
Spaß an Orten zu jagen, in denen die Natur noch gesund ist."
Der Jäger setzt
somit die nekrophilen Traditionen der westlichen Kulturen fort. An die Stelle
der Liebe zum Leben ist der Kult des Todes in all seinen vielen Facetten
getreten. Die Jagd richtet sich somit auch gegen die Lebendigkeit selbst. Das
Tier, Sinnbild des Lebens und der Fruchtbarkeit bleibt für den Jäger und die
seinen eine Provokation. Doch während der Jäger die Lebendigkeit Tierindividuum
für Tierindividuum ausrottet, ahnt er für einen kurzen Augenblick, was ihm
unwiederbringlich verloren gegangen ist.
Dr. Hanna
Rheinz
Wörthstr. 29
81667 München
Zur Person: Dr. phil.,
Dipl.-Psych., M.A. Hanna Rheinz ist Psychologische Psychotherapeutin und freie
Autorin. Derzeit hat sie u.a. einen Lehrauftrag an der Universität Tübingen zum
Thema "Das Schächten: Interkulturelle und interreligiöse Aspekte des Tötens von
Tieren."
Buchveröffentlichungen zum Thema:
* Eine tierische Liebe,
1994
* Tiere, Frauen, Seelenbilder, 2001
Kontakt:
HannaRheinz@aol.com
