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Einige Betrachtungen von Marie-Françoise Kuss, angeregt durch das
aktuelle Buch ”Fleisch” von Nan Mellinger
Warum essen Menschen
Fleisch? “Weil es ihnen schmeckt”. So lautet gewöhnlich die lapidare Antwort.
Und sie stimmt auch, aber damit ist noch nicht alles gesagt.
Nan
Mellinger, Kulturwissenschaftlerin und Philosophin, sieht noch manch andere
Aspekte, die sie in ihrem 2000 im Campus-Verlag erschienenen Buch “Fleisch,
Ursprung und Wandel einer Lust” eindringlich zu vermitteln versteht. Das
Buch ist ein “Muss” für jede/n, der/die mutig genug ist, die düstere Geschichte
der Menschen im Zusammenhang mit dem Fleisch für sich aufzuarbeiten und sich als
Konsequenz aktiv in den Prozess der Zivilisierung einzuschalten. Es bietet viele
interessante und unbekannte Aspekte, die nicht in diesem Artikel Platz finden
konnten. Es ist spannend geschrieben und hat in dieser Zeit der BSE-Krise
möglicherweise das Zeug zum Bestseller.
Symbol der Macht
Fleisch als Symbol der Macht ist die Grundthese der Autorin, die sicher
allen ethischen VegetarierInnen aus dem Herzen spricht. Dieses Buch könnte ein
Meilenstein sein in den Bestrebungen, den Fleischverzicht und die damit
verbundene Gewaltlosigkeit an die großen emanzipatorischen Denkmodelle
anzuknüpfen. Eine solche These dürfte intellektuelle und politisch orientierte
Menschen aus ihrer Reserve locken. Bis jetzt ist dies nicht gelungen. Mitgefühl
für die geschändete Kreatur reicht offenbar nicht aus, um die Menschen, die in
der Entwicklung des Denkvermögens ihre höchste Errungenschaft sehen, in Bewegung
zu setzen. Frau Mellingers anthropologische Arbeit könnte als Grundlage dienen,
ein politisches Bewusstsein zu entwickeln, um das heutige demokratische
Selbstverständnis, dessen sich die Menschheit im Allgemeinen rühmt, zu
entlarven.
Die Tatsache, dass es sich hier um ein Werk handelt, das sich
ausschließlich auf wissenschaftliche Quellen bezieht, verstärkt seinen Wert auf
besondere Weise. Der Vorwurf der Parteinahme ist in diesem Fall nicht anwendbar.
Außerdem ist wissenschaftliches Schaffen, das sich streng auf Fakten stützt,
entscheidend härter in der Formulierung als ein Plädoyer, das aus einem
engagierten guten Herzen stammt. Hier ein Auszug aus dem Buch “Fleisch”, der
bereits auf den zwei ersten Seiten zu lesen ist: “Die ersten Ma(h)le des
Fleischverzehrs waren untrennbar mit dem Aspekt der Vernichtung der feindlichen
Tiere zum Zweck des eigenen Überlebens verknüpft und legten das Grundmuster von
Fleisch als Symbol der Macht fest, das sich bis heute erhalten hat - gleichsam
als Fortsetzung des Beute-Raubtierschemas der Vorzeit, das sich mit der Zähmung
der wilden Bestien auf die zwischenmenschliche Ebene verlagern sollte. Die
Symbolik von Fleisch und Macht zieht sich wie ein roter Faden durch die
Geschichte. Dass das Fleisch denjenigen gebührt, die die Position des Raubtiers
besetzen, kennzeichnet das Fleischsystem der Vormoderne wie das unsrige
gleichermaßen.
Sich dieser Ordnung durch die Ablehnung fleischlicher
Nahrung zu widersetzen, war daher immer schon Teil des vegetarischen Credos...”
Vermutlich setzte das Mitgefühl für das besiegte Tier, gekoppelt mit dem
egalitären Denken als Antithese zur hierarchischen Ordnung mit dem Fleisch als
Machtsymbol, schon früher als 600 v. Chr. (Zeit der Entstehung des Buddhismus
und des Jainismus) ein. Erst dann aber erlaubten die Umstände eine Änderung in
großem Stil. Ungefähr zur selben Zeit wirkt in Griechenland Pythagoras, genannt
Urvater des Vegetarismus, der sich auf die ältere “orphische Bewegung” bezog.
Neueste Forschungen berichten, dass die verschiedenen Kulturen des Mittelmeer-
und mittelasiatischen Raumes in der Welt der Antike einen regen Austausch
miteinander führten und eine große Gemeinschaft bildeten (Raphaël Liogier,
Universität Aix-Marseille, “Jesus, Buddha des Abendlandes”, 1999). Der Bruch
zwischen Europa und Asien erfolgte erst im 3. Jahrhundert n.Chr., als das
Christentum sich institutionalisierte und gegen andere Einflussbereiche
abgrenzte, nachdem es auch für eine “Säuberung” in den eigenen Reihen gesorgt
hatte.
Außerhalb des Fleischsystems Die kulturelle
Durchlässigkeit zwischen den Ländern der Antike ist eine plausible Erklärung,
warum sich der Vegetarismus zur gleichen Zeit im 6. Jahrh. v. Chr. in Indien und
Griechenland offenbarte (die Namen Buddha und Pythagoras wurzeln beide auf
demselben indo-iranischen Wort bheudh, d.h. Erleuchtung). Die Lage im Abendland
war jedoch nicht so “günstig”, um eine totale Umwandlung wie in Indien zu
ermöglichen. “Die Anhänger der pythagoräischen Lehre bildeten eine Minderheit
und setzten sich aus Mitgliedern zusammen, die außerhalb des (Fleisch-) Systems
standen: Frauen, Fremde, Randgruppen, aus der Gemeinschaft ausgestoßene
Intellektuelle (Mario Vegetti, “Der Mensch und die Götter”, v. N. Mellinger
zitiert). Dies scheint allerdings nur zum Teil zu stimmen, denn: “Zu den ersten
Philosophen, die die Tierschonung zum Prinzip erhoben und auch den Tieren
Vernunft zusprachen, zählte neben Pythagoras, Parmenides und Empedokles auch
Demokrit” (N. Mellinger). Mario Vegetti’s Beschreibung der Pythagoräer
trifft genausogut auf die ersten Christen zu. Warum konnte sich das Christentum
jedoch behaupten, während andere religiöse Bewegungen, die ihm für einige Zeit
starke Konkurrenz machten, wie z.B. die Gnostiker und die Neoplatoniker, die
auch Pythagoras Lehre einbezogen, sich als Verlierer erweisen mussten? Die
christliche Kirche hierarchisierte sich und, wenn man Nan Mellinger folgt, muss
das Fleisch als Begleitung der Macht, auch da eine Rolle gespielt haben. Man
weiß, dass Augustinus das alttestamentarische Gebot des Nicht-Tötens änderte,
indem er es für die Tiere als ungültig erklärte. Auch Paulus ist in diesem
Zusammenhang für manches verantwortlich. Pythagoras´ Erben, die ihren Einfluss
bis in die römische Kaiserzeit behielten, verschwanden.
Religion der
Katharer Laut Nan Mellinger mag die Tradition des vegetarischen
”Pazifismus”, als Erbe der griechischen und hellenistischen Philosophie, für das
Fasten im Mittelalter durchaus noch als Motiv gedient haben. Außerdem entstand
im 11. Jahrh. die Religion der Katharer, auch Albigenser genannt, die vermutlich
Kreuzritter aus dem Orient zurückbrachten. Sie verlangte von ihren frommsten
Anhängern, dass sie kein Tier töteten und sich vegetarisch ernährten. Ihr
Einfluss breitete sich insbesondere in Südfrankreich und in Italien aus. Der
Einfluss der Katharer erreichte auch Assisi (Denis de Rougement, ”Die Liebe und
das Abendland”, 1938). Dies könnte die Sonderstellung erklären, die der heilige
Franziskus den Tieren im Christentum einräumte. Die Inquisition wurde ins Leben
gerufen, um speziell gegen die Katharer anzugehen. Im Verlauf einer weiteren
Kreuzfahrt wurde die Bewegung vernichtet und die florierende Kultur und
Wirtschaft des Südens für immer zerstört.
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Der moderne Vegetarismus Mit der Wiederentdeckung der Antike in
der Renaissance tauchte auch das Mitgefühl für das Tier wieder auf. Leonardo da
Vinci und Montaigne sind bekannte zeitgenössische Vertreter dieser Einstellung.
Im 18. Jahrhundert traten die egalitären Gedanken erneut mit voller Kraft auf
und führten 1789 zu der Erklärung der Menschenrechte und 1791 zu der Erklärung
der Frauenrechte. Gleichzeitig begann eine wachsende Zahl aufklärerischer
Tierfreunde sich zu behaupten. Der moderne Vegetarismus wurde im Anschluss an
die Aufklärung geboren und erlebte einen Aufschwung im Protest gegen die
industrielle Revolution im 19. Jahrh. und ein weiteres Mal im Rahmen der
ökologischen Bewegung am Ende des 20. Jahrhunderts.
Die Tierrechte
erscheinen als logische Konsequenz der Verkündung der Menschen-, Frauen- und
Kinderrechte. Dadurch, dass Nan Mellinger den Fleischkonsum stets in Verbindung
mit der Macht bringt, wirft sie mit ihrem Buch ”Fleisch” ein neues Licht auf
diese Denkart. Das Mitgefühl für das Tier mit dem Vegetarismus als Konsequenz
sind nicht mehr nur eine logische Folgerung der emanzipatorischen Bewegungen der
Moderne, sondern bilden von Anfang an den Kern des Pazifismus, des Abbaus der
Hierarchien und des egalitären Denkens. Der Vegetarismus bildet eine Alternative
zur Macht. Die Vordenker der Befreiungsbewegungen haben wohl erkannt, dass die
Hierarchien das Übel waren. Die meisten haben jedoch das Tier verdrängt und
ausgeschlachtet. “Das Ende der ’natürlichen’ Ordnung der Jäger und Sammler
bedeutete in vielen Regionen einen starken Rückgang an fleischlicher Nahrung.
Die Verwendung der Tiere als Milchproduzenten sowie vor allem als Zugmaschinen,
Textilfaserproduzenten und Lieferanten von Düngemittel war bedeutend wichtiger.
Bis weit in das 18. Jahrhundert hinein war das Leben der Menschen gezeichnet von
stets wiederkehrenden Hungerperioden.
Massentierhaltung
vorprogrammiert "Was an Fleisch vorhanden war, gebührte den Mächtigen
und den Reichen” “Die gesellschaftliche Bedeutung erhielt das Fleisch jedoch
nicht zuletzt auch durch seinen prestigevollen Beigeschmack als Speise der
Mächtigen” (Hans Jürgen Teuteberg, “Zur Frage des Wandels der deutschen
Volksernährung durch die Industrialisierung”, 1973). “Als im 19. Jahrhundert die
moderne Produktionsform u.a. die Steigerung der Futtererträge ermöglichte und
die Position der Tiere als Arbeitsmittel zunehmend von Maschinen besetzt wurde,
wandelten sich diese vor allem zu “Schlachttieren” (Nan Mellinger). Plötzlich
war Fleisch für alle da. Der wissenschaftliche Fortschritt, die industrielle
Revolution und die Demokratisierung der Gesellschaft haben es geschafft. Nach
Jahrtausenden der Entbehrung im Agrarzeitalter war der Fleischhunger nicht mehr
zu stillen. Die Massentierhaltung war vorprogrammiert. Der Zustand allerdings,
der in unserem Kulturkreis zwischen Arm und Reich geherrscht hatte, verlagerte
sich und besteht nunmehr zwischen dem reichen Westen und den Ländern der so
genannten Dritten Welt. Es dürfte kein Zufall sein, dass “die fleischhungrigste
Nation das heutige Amerika” ist (N. Mellinger), nämlich die mächtigste Nation.
Beigeschmack von “déjà vu” Die Demokratie scheint ein Luxus
der Reichen zu sein und erweist sich als sehr fragil. In den Diskussionen
hinsichtlich der BSE-Krise hört man wenig über die Notwendigkeit eines Übergangs
zur “egalitären” vegetarischen Kost. Die vielgepriesene Lösung ist Biofleisch
mit einer entsprechenden Erhöhung der Preise, als ob man nicht sehen will, dass
die Kluft zwischen Arm und Reich hierzulande ständig zunimmt. Fleisch oder
zumindest “gesundes Fleisch” bald nur für die Wohlhabenden? Teueres Fleisch ist
keine demokratische Lösung. Es hat einen Beigeschmack von “déjà vu”. Es erinnert
an eine alte Geschichte, an die lange Geschichte des Agrarzeitalters. Außerdem
erhöht Fleischknappheit sowohl den tatsächlichen als auch den symbolischen Wert
des Fleisches und sorgt von vornherein für eine erneute Vermehrung, sobald die
Umstände es erlauben. “Prozentual gab es noch nie so wenig ’freiwillige’
Vegetarier wie heute” (N. Mellinger). Die Vegetarier sind eine Minderheit
geblieben. Hier muss hinzugefügt werden, dass die heutigen Vegetarier, auch wenn
sie eine Minderheit bilden, eine Einflusssphäre im tonangebenden Westen haben,
die weiträumiger ist, als ihre bloße Anzahl vermuten lässt. Nan Mellinger
zweifelt, ob mit modernen Verzichtserklärungen auf fleischliche Nahrung eine
wirkliche Besserung des menschlichen Verhaltens im Allgemeinen erzielt werden
kann. Albert Einstein zeigte sich mutiger, als er sagte: “Durch die Wirkung auf
das Temperament würde die vegetarische Lebensweise das Schicksal der Menschen
positiv beeinflussen.”
Nellinger widmet einen ganzen Abschnitt ihres
Buches ”dem unterschiedlichen Verhältnis von Mann und Frau zum Fleisch, von dem
traditionell den Männern der Löwenanteil zukam.” ”Fleisch ...ist das Gericht der
Männer, die zweimal zugreifen, während die Frauen sich mit einem Stückchen
begnügen.” (Pierre Bourdieu, ”Die feinen Unterschiede”, 1998). Für eine Änderung
menschlicher Ernährungsweise setzt sie auf Frauen: ”Ein Wandel dieser Lust ist
vielleicht am ehesten durch den zunehmenden Einfluss der Frauen vor und hinter
den Kulissen - also auch bei der Frage, was auf den Tisch kommt - zu erwarten.”
Sie hat zweifellos recht. Unter den Vegetariern sind Frauen deutlich in der
Mehrzahl.
Am Ende dieses Artikels angelangt, fällt mir ein Exemplar der
Studie des Engländers Nick Fiddes ”Fleisch, Symbol der Macht” in die Hand, das
1991 erschienen ist und 1993 ins Deutsche übersetzt wurde. Sie wird im Buch von
Nan Mellinger unter Literaturhinweise zitiert. Obwohl die Studie beim ersten
Blick nicht die Prägnanz des Werkes von Nan Mellinger besitzt, das sich auch
speziell an den deutschen Leser richtet, verdient sie besondere Achtung, da Nick
Fiddes sich als erster mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Man kann sich
darüber freuen, dass die These des Fleisches als Symbol der Macht allmählich und
hoffentlich bald überall ihren Weg in die Öffentlichkeit findet. Möge die
Zukunft zeigen, dass sich die Mühe gelohnt hat!
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