Tierrechte Aktiv
Die Tötung der 3 Eisbären im Nürnberger Zoo
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"Ein echter Glücksfall"

Am 29. März 2000 wurden im Nürnberger Zoo Zoo drei aus ihrem Gehege entkommene Eisbären nach einer mehrstündigen Hatz nachts erschossen. Die Verantwortlichen des Zoos wiesen jede Verantwortung von sich: Eine Betäubung der Tiere sei nicht möglich gewesen. Stattdessen gerieten Tierschützer ins Visier des Zoos und der lokalen Medien.

Für Henning Wiesner, Direktor des Münchner Tiergartens, beispielsweise »roch« der Vorfall »sehr nach militantem Tierschutz«. Dabei gibt es keinerlei Hinweise auf irgendeine Beteiligung von Tierschützern am Entkommen der Tiere. Doch lenken die Vorwürfe von den wahren Verantwortlichen ab. Denn die Zoos sind für die Sicherheit der dort gehaltenen Tiere zuständig.

In Nürnberg allerdings scheinen die Sicherheitsvorkehrungen mehr als unzulänglich gewesen zu sein. Die bundesweit gültigen »Sicherheitsregeln für die Haltung von Wildtieren« schreiben Schließanlagen an allen Türen zu Gehegen und Schleusensysteme vor, um ein Entkommen der Tiere zu vermeiden. In Nürnberg jedoch wurden statt einer Schließanlage zwei Vorhängeschlösser als ausreichend angesehen.

Auch die Betäubung der Tiere war in Nürnberg nicht möglich. Das dicke Winterfell sei nicht zu durchdringen gewesen, gab der Tiergarten an. Doch in freier Wildbahn werden aus verschiedenen Gründen immer wieder Tiere betäubt. Verglichen mit den arktischen Temperaturen entspricht der deutsche Winter klimatisch dem arktischen Sommer, so dass von einem besonders ausgeprägten Winterfell nicht die Rede sein kann. Auch hier stellt sich also die Frage, ob die Ausrüstung des Nürnberger Tiergartens und die Sachkunde der Mitarbeiter wirklich ausreichend waren.

Und es gibt weitere Ungereimtheiten: Die Polizei wurde beispielsweise erst zwei Stunden nach dem Bekanntwerden des Entkommens der Tiere verständigt. Warum wurde so lange gewartet? Wäre es angesichts der Gefährlichkeit der Tiere nicht unbedingt notwendig gewesen, die Umzäunung des Zoos durch Polizeibeamte sichern zu lassen, um dann in Ruhe auf eine Betäubung der Tiere hinarbeiten zu können?

Inzwischen hat der Bundesverband der Tierversuchsgegner Strafanzeige gegen die Verantwortlichen des Tiergartens Nürnberg wegen des Verdachts der Tötung von Tieren ohne vernünftigen Grund gestellt. Denn auch wenn es um den Schutz von Menschenleben ging, musste die Verhältnismäßigkeit der Mittel gewahrt bleiben - die Betäubung der Tiere wäre das Mittel der Wahl gewesen.

Der Zoo freilich scheint an einer Aufklärung der im Raum stehenden Vorwürfe wenig interessiert. Der stellvertretende Direktor des Tiergartens Nürnberg, Helmut Mägdefrau, bezeichnet Tierschützer schon mal als »Riesen-Vollidioten«. Auch sonst ist nur von »infamen Anschuldigungen« und »übelsten Unterstellungen« die Rede - von Aufklärungsbereitschaft keine Spur.

Solche Äußerungen zeigen allerdings nur, auf welch dünnem Boden sich der Zoo tatsächlich bewegt. Denn die Geschehnisse in Nürnberg verdeutlichen einmal mehr, dass das System Zoo nicht funktioniert. Letztendlich stehen immer menschliche Interessen über denen der Tiere. Auch die Eisbären in Nürnberg starben einen traurigen Tod - nach einem beengten, eintönigen und insgesamt armseligen Leben in Gefangenschaft, in der sie eine Vielzahl ihrer Bedürfnisse nicht ausleben konnten. Es ist an der Zeit, dass wir uns von dem Irrglauben verabschieden, die Zoos seien eine moderne Arche Noah und ein Ersatz für den natürlichen Lebensraum der Tiere. Nur dort macht der Schutz von Tieren Sinn, dort spielen sie auch eine wichtige Rolle im Ökosystem. Im Zoo werden sie zu Schauobjekten degradiert, während gleichzeitig die Zerstörung ihrer Lebensräume ungebremst weitergeht. Die Nürnberger Eisbären sind weitere Opfer dieses tragischen Irrtums und unserer menschlichen Anmaßung.

Unterdessen wird sowohl in Karlsruhe - von dort waren die Tiere nach Nürnberg verliehen worden, als auch in Nürnberg über die Anschaffung neuer Eisbären nachgedacht. Und für einige war die Erschießung sogar ein »echter Glücksfall«. So freute sich der Veterinärmediziner Jörn Ehrlein über die Untersuchung der toten Tiere, denn »Eisbären haben wir nun wirklich nicht alle Tage«.


 

Stephan Weber
www.tierrechte.de


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