Tierrechte Aktiv
Der geläuterte Wüstling
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"Da kommt das Blut ins Kochen"

Die deutschen Waidmänner geraten ins Kreuzfeuer: Natur- und Tierschutzorganisationen fordern eine Reform der Jagd und den Abschuss bedrohter Tierarten zu ganz verbieten.

Gräfin Floribana hatte ihren Gatten gewarnt: Ausgerechnet am Karfreitag musste Hubert seiner Jagdleidenschaft frönen und mit der Meute durch die Ardennenwälder streifen.

Schon war der kapitale Hirsch gestellt, die Armbrust gezückt, da geschah das Wunder: Ein leuchtendes Kruzifix erschien im Geweih, das prächtige Tier mahnte seinen Verfolger: "Warum jagst du mich?"

Der geläuterte Wüstling, so will es die Legende, wurde zum Bischof und nach seinem Tod im Jahre 727 heilig gesprochen. Als ihren Schutzpatron feiert ihn, alljährlich zum Hubertusfest am 3. November, ausgerechnet die Jägerschaft.

In protestantischen Gottesdiensten und in katholischen Messen ziehen um diese Zeit, unter Glockengeläut, Jagdhornbläser und Hundeführer vor dem Altar auf. Vielerorts wird der Segen auch dem vor der Kirche ausgelegten Wild zuteil, das zuvor zur Strecke gebracht wurde - zum Zorn nicht mehr nur der Tierschützer, die manchen Flintenschuss mit Störmanövern vereiteln.

"Die Geschichte einer Umkehr wird von beiden Konfessionen verfälscht und missbraucht", beklagt Christa Blanke, langjährige Pfarrerin in Glauberg bei Offenbach. Hubertus sei eher zum Patron des Wildes als der Jäger berufen. Obwohl tief als Protestantin verwurzelt, ist die 53-jährige Theologin - ein bisher einmaliger Fall - im vergangenen Jahr aus der Kirche ausgetreten: "Die segnet diejenigen, die Tiere töten. Diejenigen hingegen, die Tiere schützen, werden beargwöhnt."

Die Hoffnung noch nicht aufgeben will Rudi Job, Beauftragter der Evangelischen Kirche Deutschlands für "agrarsoziale Fragen": "Die Kirche wird immer sensibler an diesem Punkt." Der Pfarrer aus Kaiserslautern will beim bevorstehenden Hubertusgottesdienst mit seinen Texten und Gebeten die Gelegenheit nutzen, "zur Gewissensbildung der Jäger beizutragen". Fürs Hegen und Pflegen ist der Gottesmann schon; aber das Fallenstellen und die Hunde-Ausbildung an lebenden Enten seien "mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar".

Mit lästigen Forderungen und heftiger Kritik am althergebrachten Waidwerk rücken den Jägern auch Natur- und Umweltschutzverbände vors Revier. Nach wohligen Schonzeiten, die ihnen jagdgenössische Agrarminister gewährten, müssen die Lodenträger sich nun mit den Reformplänen der grünen Verbraucherministerin Renate Künast auseinander setzen.

Beschnittene Jagdzeiten, geschmälerte Beutelisten, Schonung gefährdeter Arten und Verbot für altertümliches Fanggerät stehen zur Debatte. Die Hege mit Fütterung und Medikamenten, so argumentieren Forstleute, gelte nur den Trophäenträgern wie Hirsch und Reh, die durch Verbiss die Wälder ruinieren - gegen konkurrierende Beutegreifer hingegen, vor allem den Fuchs, würden Vernichtungsfeldzüge geführt.

Für Meister Reineke springen nun sogar Medizinprofessoren ein: Die für den Menschen angeblich so bedrohliche Ansteckung mit dem Fuchsbandwurm sei "eine unbewiesene Spekulation", sagt der Münchner Infektiologe Hansdieter Nothdurft: "Es ist wahrscheinlicher, dass Ihnen ein Ziegelstein auf den Kopf fällt."

Mit Naturschutz habe die Tätigkeit der als Naturschutzvereine anerkannten Jagdverbände gar nichts zu tun, kritisiert Dag Frommhold, Autor jagdkritischer Bücher und Schriften: "Jagd neurotisiert die Tierwelt und schädigt ökologische Regelsysteme." Bürgerbewegungen wie die des Heilbronner Biologen und Studiendirektors Kurt Eicher, dessen Demonstration kommenden Samstag mit Feldküche vor der Gedächtniskirche endet, wollen die Waidmänner deshalb gänzlich aus Wald und Flur verscheuchen.

Dem "blutigen Freizeitsport" fallen jährlich fast fünf Millionen Wildtiere zum Opfer. In die stolzen "Strecken", die anschließend mit dem rituellen "Tottrinken" begossen werden, sind die erbeuteten Haustiere noch gar nicht eingerechnet: Etwa 400 000 angeblich "wildernde Katzen" und 40 000 "revierende Hunde" werden aufs Korn genommen oder in Fallen getötet. Die Befugnis dazu ist nach Ansicht von Doris Klein aus dem nordrhein-westfälischen Odenthal "ein Lynchjustizparagraf", gegen den sie sich mit ihrer "Initiative jagdgefährdeter Haustiere" wehrt. Selbst Kühe, so Klein, seien Jägern schon zum Opfer gefallen - "weil sie nicht richtig hingekuckt haben". Und eine Stute starb auf der Koppel an Kreislaufversagen, weil sie über die unvermittelte Knallerei und Hundehatz einer Jagdgesellschaft in Panik geriet. Da fragt Walter Bachmann, Forstdirektor a. D., im Editorial der Zeitschrift "Jäger" nicht ganz zu Unrecht, ob "heute, unter dem Druck der Öffentlichkeit" mancher schon gar nicht mehr "als Jäger erkannt werden möchte"?

Gerade feiert, mit jägerischer Lyrik, das Fachblatt wieder die Freuden des Monats Oktober: Da steht die "Ernte des Friedwilds" vor der Tür; aber es gelte auch, Raubzeug wie Dachse, Marder, Iltis und Fuchs am Bau, mit Köderfalle oder Flinte nachzustellen: "Das Zusammenspiel von Hundelaut, Flintenknall und rollierenden Rotröcken stellt für im Pulverdampf ergraute Waidmänner einen Jungbrunnen dar und bringt auch das grüne Blut der jugendlichen Jäger zum Kochen."

"Aus dem Revier auf den Tisch" kommen, zur Krönung der Pirsch, "pikante Brunftkugeln": Nach 60 Minuten Marinier- und nur sechs Minuten Garzeit können die in Scheibchen geschnittenen Hoden von wiederkäuendem Schalenwild genossen werden.

Doch die gehobene Stimmung der traditionsbewussten Waidwerker könnte zunehmend darunter leiden, dass Gegner aus Behörden, Verbänden und Ministerien zur Jagdwende blasen. Das Bundesamt für Naturschutz (BfN), das Umweltminister Jürgen Trittin untersteht, hat jetzt den Rotstift an die Liste der Beutetiere angesetzt: 96 Arten, darunter Adler, Fischotter oder Steinmarder, unterliegen bislang dem Jagdrecht. Nun will das Amt den Jägern nur noch 23 Säugetiere und Vögel lassen - "eine überfällige Anpassung an internationale Standards und Erkenntnisse", wie Harald Martens vom BfN erklärt: "Die deutsche Jagd hinkt hinterher."

Aus diesem Grund sollte das veraltete Regelwerk im Land mit der größten Hochsitzdichte unbedingt reformiert werden: Es wurde 1934 von Reichsjägermeister Hermann Göring erlassen und machte sich, so die Jagdexperten Wilhelm Bode und Elisabeth Emmert, "mit seinem Hegeanspruch an der feudalen, nachgermanischen Jagd fest".


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